DER ELEFANT AUF DEM PLATZ
Lena Hartmann


Am Rand der rechteckigen, akkurat gemähten Rasenfläche lehnt an dem dünnen Stamm einer jungen Birke die Silhouette eines weißen Elefanten. Eine unerwartete Begegnung in der geradlinigen, puristischen Umgebung des 2018 neu gestalteten Steinplatzes in Berlin-Charlottenburg: die Vision eines Elefanten, der einem nahegelegenen Zoo oder Zirkus entlaufen zu sein scheint. Auslöser für ein unverhofftes Lächeln der Passanten zwischen den niedrigen Betonmauern, funktionalen Rollsplittflächen und der spärlichen Bepflanzung.


Insbesondere in dieser klar strukturierten Umgebung kommt die erfrischende Leichtigkeit und die spielerische Eleganz von Dino Steinhofs Installation Behind the Elephant zur Geltung – ebenso wie durch das Umgehen der gemeinhin geltenden Konventionen für Kunstwerke im öffentlichen Raum. Steinhof bereichert die Nüchternheit mit einem Bild-Objekt, dem weiß beschichteten Aluminium in Tierform. Zugleich erzeugt er mit dieser strahlend farblosen Fläche einen Leerraum, eine weiße Leinwand, eine Aufforderung an die Phantasie der Betrachter.


Bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert sahen Planungen einen Elefanten an diesem Ort vor. Zu Ehren des Namensgebers des Platzes, Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein (1757–1831), sollte hier ein Denkmal entstehen und der Berliner Bildhauer August Gaul gewann mit seinem Entwurf den dafür ausgerufenen Wettbewerb. Gauls Idee einer Brunnenanlage mit einem bronzenen Elefanten mit erhobenem Rüssel als zentralem Motiv war bei den Zeitgenossen dennoch nicht unumstritten und kam letztendlich – auch aufgrund des Ersten Weltkriegs - nie zur Ausführung.

 

Als Künstler, dessen Œuvre fast ausnahmslos Tierplastiken umfasste, war August Gaul wegen dieser Spezialisierung bereits zu Lebzeiten gewissermaßen ein Außenseiter bzw. Einzelgänger. Er gehörte auf den ersten

 

 

 

 

Blick nicht zu den Künstlern, die als Mitglieder neuer, revolutionärer Kunstströmungen wie dem Expressionismus neue Wege beschritten. Doch im Gegenteil, führte der talentierte Gaul die Tierbildhauerei mit seinen Arbeiten in die Moderne. Er verband den neobarocken Naturalismus mit dem Stil des Neoklassizismus, den er in Italien studiert hatte. Er befreite seine Skulpturen von jeglicher Verniedlichung, verzichtete bei der Ausarbeitung auf überflüssige Details, lehnte Kitsch und Pathos zunehmend ab.

 

Das Herausarbeiten charakteristischer Merkmale, die Reduktion auf das Wesentliche spielt auch bei der Darstellung von Steinhofs Elefant unübersehbar eine entscheidende Rolle. Seiner Wesensart entsprechend, zeigt der Elefant kein Interesse für die Großstädter und Touristen, wendet sich vom Betrachter ab, ist im Begriff uns seine wohlgeformte Kehrseite zu zeigen.
August Gaul erhielt aufgrund seiner sachlichen Auffassung, die nicht mit der  konservativen Kunstanschauung seiner Zeit übereinstimmte, zwar wenig staatliche Aufträge, war in Künstlerkreisen jedoch äußerst angesehen und wurde von berühmten Zeitgenossen wie Max Liebermann, Ernst Barlach und Käthe Kollwitz besonders wertgeschätzt. Doch geriet der Name August Gaul und sein beachtliches Werk über die Jahre immer mehr in Vergessenheit.


Dino Steinhof holt diesen Künstler mit seiner Arbeit Behind the Elephant zurück in unser Gedächtnis und verweist darüber hinaus auf die Vergangenheit des Steinplatzes in Berlin-Charlottenburg, der in den heutigen Tagen ansonsten so erfolgreich auf belebende, bewegende oder tierische Elemente verzichtet.

 

 


IN A HURRY

Lena Hartmann

 

Ich stehe am Deich und blicke aufs Wasser. Am anderen Ufer sind Schornsteine und Hallen einer Industrieanlage zu erkennen, Hinweise, dass vor mir die Weser und nicht das Meer liegt, das formal erst ein paar Kilometer weiter nördlich beginnt. Dennoch ist Bremerhaven bekannt für sein maritimes Flair, Fischspezialitäten und einen Zoo am Meer. Das Thema Wasser ist allgegenwärtig in der selbsternannten „Seestadt“, die auch als „einzige Großstadt an der Nordsee“ bezeichnet wird. In der Hand halte ich die Einladungskarte von Dino Steinhofs Ausstellung in der Kunsthalle Bremerhaven. Auf der Vorderseite eine strahlend blaue Wasserfläche.


Nicht zufällig fiel die Wahl auf das Motiv „4686108“, denn Ausgangspunkt von Dino Steinhofs Arbeiten ist der Ausstellungsort. Neben der intensiven Auseinandersetzung mit den städtischen, geografischen, sozialen oder wirtschaftlichen Charakteristika der Umgebung schließt der in Dino Steinhofs Arbeiten immer wiederkehrende Ortsbezug auch den Ausstellungsraum, seine Architektur und institutionsspezifischen Merkmale mit ein. Durch Interventionen verändert er die räumliche Situation, rückt durch das Austauschen oder Verschieben gewohnter Elemente bisher Unbeachtetes in den Vordergrund oder lenkt unsere Aufmerksamkeit durch das Hinzufügen von Objekten, Projektionen oder Klängen auf vorhandene Strukturen, um neue Wahrnehmungsräume zu schaffen und gewohnte Denkmuster aufzubrechen. Nicht selten wirken seine Arbeiten daher auf den ersten Blick irritierend, so auch die Soundinstallation „Warnung!“.


Beim Betreten von Dino Steinhofs Ausstellung werde ich von einer Kakophonie aus digitalen Warnsignalen begrüßt. Für wenige Sekunden ertönt die aus 13 unterschiedlichen Warntönen eines MacBooks zufällig generierte Klang-Collage, die die überraschten Besucher für einen Moment auf ihrem Weg zum Hauptausstellungsraum in der ersten Etage innehalten lässt und das Treppenhaus zum unerwarteten Bestandteil der Ausstellungsfläche macht. Die aktive Einbindung der Besucher in die Inszenierung – sie selbst lösen den Sound beim Betreten und Verlassen des Gebäudes aus – bedeutet die Erweiterung der Arbeit um einen performativen Aspekt, der für viele von Dino Steinhofs Werken kennzeichnend ist, so dass skulpturale oder installative Arbeiten wie auch die räumliche Situation unvorhersehbaren Veränderungen bewusst unterworfen werden. Dino Steinhofs Interesse gilt dem Momenthaften, Flüchtigen, der Nicht-Wiederholbarkeit, die dem performativen Ansatz innewohnt.


Im Obergeschoss angekommen, führt mein Weg vorbei an einer am Treppengeländer montierten Ablage. Für gewöhnlich als Auslagefläche für Flyer, Broschüren und andere Werbematerialien genutzt, liegen hier nun aneinandergereiht DIN A4 Blätter mit Abbildungen verschiedenster Häfen aus der ganzen Welt: große Hochglanzaufnahmen neben kleinformatigen Schnappschüssen, Sydney neben Venedig, Port Andratx neben St. Johns. Nur von Bremerhaven ist keine Aufnahme zu finden. Dabei zählt der Hafen mit seinen eindrucksvollen Kreuzfahrt- und Containerterminals doch zu den bekanntesten Merkmalen der Stadt. Durch ihn ist Bremerhaven Anlaufstelle für Schiffe und ihre Besatzung aus aller Herren Länder. Doch woher kommen sie? Wie lang war ihre Reise? Wieviel Zeit werden sie an diesem Ort verbringen?


Ob sich einige Passanten diese Fragen gestellt haben, an die Dino Steinhof die Hafen-Bilder verteilte? Denn in erster Linie waren die Flugblätter Teil einer performativen Aktion am Neuen Hafen. Als Verbindungsstücke zwischen der Aktion im öffentlichen Raum und der Ausstellung finden sich nun einige der Flugblätter in der Kunsthalle.

 

Im Hauptraum dann eine minimalistische und zugleich raumfüllende Installation. Drei sanft geschwungene, in zartem Blau gebeizte Holzskulpturen, die nicht nur an eine abstrahierte Wellenform denken lassen, sondern auch eine weitere Verbindung zum Außenraum darstellen. In die steinerne Schräge der neu gestalteten Deichpromenade wurden Wellenbrecher eingelassen, die von vielen Spaziergängern als Sitzgelegenhei-

 

 

 

 

ten für eine kurze Pause genutzt werden. In Anlehnung an diese Wellenbrecher stellt auch die Skulpturengruppe „cool down“ ein Angebot zum Verweilen dar, welches ich gerne annehme. Anstatt auf die Weser schaue ich auf die markante Architektur des 60er Jahre Baus: auf weiße Backsteinwände, graue Bodenfliesen, die aus Holzbalken bestehende, indirekt beleuchtete Deckenkonstruktion und die den Hauptraum dominierende Empore. Als Bildhauer ist es vor allem der skulpturale Charakter dieses Baukörpers, der Dino Steinhof interessiert und den er mit seiner Arbeit „lazy colours“ betont. Fünf Stoffbahnen in sommerlichen Farben haben sich hier oben ausgebreitet, hängen lässig über das Geländer, schmiegen sich diskret an die Konstruktion an und rücken die Empore darüber hinaus ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Auf bemerkenswerte Weise schafft Dino Steinhof mit dieser unaufdringlichen Inszenierung im Hauptraum und der reduzierten Formensprache seiner Arbeiten eine Synthese zwischen Skulptur und Raum, zwischen Ästhetik und Funktionalität und kreiert Objekte, bei denen die Grenzen zwischen Autonomie und Ortsbezogenheit verschwimmen.


Eine Verbindung zu den farbenfrohen Stoffbahnen auf der Empore stellen die „softer stones“ in der Wandvitrine des Vestibüls dar. Von einer Neonröhre angestrahlt, bilden die aquarellierten Marmorsteine den leuchtenden, farbigen Akzent in diesem Durchgangsraum. Auf der anderen Wand ein Spiel aus Licht und Schatten, das meinen Blick nach oben schweifen lässt. Aus der abgehängten Decke, ein Raster aus quadratischen Feldern, wurden einige der transluzenten Scheiben entfernt. „Scrabbled“ hat Dino Steinhof die Intervention betitelt, die uns ermöglicht, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen: Fragmente von Heizungsleitungen, Lüftungsrohren und Gitterrosten wirken aus dieser Perspektive wie übereinandergestapelt. Aus Linien, Bögen und verschiedensten Rastern ergeben sich immer wieder neue geometrische – ja fast schon konstruktivistische – Bilder. 


Im letzten Raum der Kunsthalle erwartet mich ein imposanter Eisbär, auf die Wand des Graphischen Kabinetts projiziert. Immer wieder begegnet einem das in der nördlichen Polarregion beheimatete Raubtier in Bremerhaven, wie im Zoo am Meer, als Maskottchen der örtlichen Basketballmannschaft oder als Werbemotiv. Auch der Eisbär in diesem Video befindet sich nicht in seiner natürlichen Umgebung: Ein Zaun, eine Wiese und vorbeifahrende Autos im Hintergrund sorgen für ein befremdliches Gesamtbild. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch die verlangsamten Bewegungen des Tieres, die dieser scheinbar banalen Situation eine eigentümliche Dramatik verleihen.    


Die Ausstellung „In a hurry“ gibt einen Einblick in die Vielfalt der Medien und Materialien, denen sich Dino Steinhof bedient. Hauptsächlich sind es Gegenstände und Materialien aus dem Alltag, die die Grundlage seiner Werke bilden und von ihm in den Kunst-Kontext überführt werden. Neben klassischen Werkstoffen wie Holz oder Stein greift er zudem auf digitale Komponenten und Materialien aus dem Internet zurück, Produkte die industriell gefertigt sein können oder von Privatpersonen angeboten werden. Denn die stetig voranschreitende weltweite Vernetzung und die Verwendung technischer Geräte gehört mittlerweile selbstverständlich zu unserem Alltag. Daher gehören Aspekte dieser multimedialen Welt für Dino Steinhof auch zu dem großen Pool von Möglichkeiten, aus dem er für die Entwicklung neuer Arbeiten schöpfen kann.


Letztlich fordert Dino Steinhof uns mit seiner Kunst immer wieder dazu auf, alltägliche Umgebung und Dinge neu zu entdecken und eröffnet uns immer wieder unerwartete Perspektiven auf die Stadt, in der wir uns befinden, und den Raum, in dem wir uns für die Zeit des Ausstellungsbesuchs aufhalten.


English version

IN A HURRY

Lena Hartmann


I am standing on a dike and look at the waters. On the other side of the shore I see the outlines of industrial plants that make me realize that these waters in front of me are not part of the sea but a river. It’s the Weser. Formally, the sea begins a few kilometers further to the North. Still, Bremerhaven is known for its maritime flair, delicacies of fish and a zoo at the seaside. Water is an omnipresent topic in this self-declared seaside town, which is also known as “the only real city at the North Sea”. I am holding an invitation card to Dino Steinhof’s exhibition at the Kunsthalle Bremerhaven in my hands. The front side of it shows in radiant blue colors the surface of water.


The motif “4686108” has not become the starting point for Dino Steinhof’s exhibition by accident. Besides engaging with the urban, geographic, social and economic characteristics of the area, Dino Steinhofs works often relate to the exhibition space itself, its architecture and the features that are specific to the institution he exhibits in. He changes the spatial situation by rearranging familiar and unfamiliar elements with his interventions. He redirects our attention by adding objects, projections or sounds to the given structures. As a result, new ways of perception are made possible and that break with common patterns of thought. Quite often, his works appear irritating at first, such as his sound installation “Warnung!”.


A cacophony of warning signals welcomes the visitor when entering the exhibition space. For several seconds, 13 different types of warning signals sound through the entrance hall - they have been generated by chance with MacBooks to a sound collage. This moment of surprise that lets the visitor pause on their way to and out of the main exhibition hall on the first floor redefines the staircase as integral part of the sphere of exhibition. The active involvement of the visitors, they themselves start the sounds via motion-sensors, includes a performative aspect that is characteristic for Dino Steinhof’s works. His interests lay within this situational, ephemeral and non-repeatable character that are inherent to his performative approach and transform sculptural, installational and spatial situations unpredictably.


On the first floor, I pass a shelf that is installed by the staircase. Usually it is used as display for flyers, brochures and other advertising materials. Now it shows a number of DIN A 4 images with harbors from around the world on them: high gloss prints next to small-format snapshots. Sydney and Venice side-by-side, just as Port d’Andratx and St. Johns. Bremerhaven is the only harbor missing in this series of photographs, disregarding its impressive cruisehship- and containerterminals which is one of the most prominent parts of the city. The harbor in Bremerhaven has become a point of contact for ships and their crews from countries all over the globe. I wonder: where do these crews originally come from? What has their journey been like? How long will they be staying here?


Pedestrians might have asked themselves such questions when they met Dino Steinhof in his performance at the Neuer Hafen in which he handed out these pictures randomly. To connect the performance in public space with this exhibition, a number of these pictures are exhibited in the Kunsthalle.

 

A minimalist installation of three softly curved, blue colored wooden sculptures that in their shape remind of waves fills the space of the main exhibition hall. It presents yet another such connecting piece to the outside.

 

 

 

 

Breakwaters have been placed at the promenade on the dike in Bremerhaven as invitation for pedestrians to sit and take a rest. The series of sculptures “cool down” form a similar place to regenerate that I welcome with pleasure. Sitting here, I focus on the distinctive features of this building’s architecture of the 60s: white brick walls, grey paving tiles, the construction of the sealing with wooden beams and the gallery in the main hall. The sculptural character of the building itself is what Dino Steinhof emphasizes with his work “lazy colors”. Five colored panels stretch out on the gallery and lay nonchalant on its railings. The panels smoothly and discretely cling on the construction and consequently make the gallery the major point of interest. Dino Steinhof thus discreetly stages the main exhibition hall with his minimalistic formal aesthetics in remarkable manner and forms a synthesis between sculpture and space, aesthetics and functionality. He creates objects that play with the limits of the notions of autonomy and site-specificity.


The colored panels on the gallery connect to the “softer stones” in the showcase of the vestibule. Marble stones that have been water-colored are illuminated in neon light and create a colorful moment in this passageway. Opposite to the marble stones I see a play of lights and shadows that let my gaze wander to the ceiling. Here, I see Dino Steinhof piece that is titled “Scrabbled”. One part of the ceiling cover in grid-format has been removed and gives insight to what lies behind. Fragments of heating pipes, ventilation pipes and gratings appear as if on top of each other. Lines, arches and most diverse grids again and again result in geometric, almost constructivist – pictures.


An impressive polar bear expects me in the last room of the exhibition that is being projected on the wall of the graphics cabinet (Graphisches Kabinett). One comes across this Nordic predator quite frequently in Bremerhaven, as for example in this zoo at the seaside, as mascot of the local basketball team or as motif for advertisement. However, this polar bear is not staged in its natural surroundings: A fence, a yard and passing cars contribute to an overall strange setting. This impression is further emphasized by the slow motion the animal moves and that contribute to the peculiar dramatics of this at first sight trivial situation.


Dino Steinhof uses a great variety of media and materials in his exhibition „In a hurry“. Primarily, such materials are known to us from every-day life. They shape the basis for his works and are recontextualized in the artworld. However, materials known from classical sculpturing, such as wood or stone, are worked with just the same as digital formats, materials from the internet or products that have been designed industrially. The worldwide interconnectedness and the use of technical devices are by now integral part of our every-day life. To Dino Steinhof, such aspects of the multimedia world belong to his pool of possibilities from which he can draw from.


Altogether, Dino Steinhof challenges with his art the notion of our everyday surroundings and tries to unveil new facets of things already known to us. He lets us discover unexpected perspectives on this city, this space and the time of our visit at his exhibition.


GYMNASTIKBÄLLE IM KLINIK-TEICH

Julius Tambornino

 

Es ist eine natürliche und nicht gerade neue Wahrheit: Umso jünger die Kunst, umso schwieriger wird es, sie in die ohnehin zunehmend verschwimmenden Kriterien qualitativer Beschreibung einzuordnen. Dino Steinhof, Jahrgang 1987, lässt sich jedenfalls ohne Weiteres als Paradebeispiel dieses Phänomens der erschwerten Fassbarkeit bezeichnen. Es braucht bei ihm schon eine tiefere Analyse, um dahinter zu kommen, worum es sich bei seiner Kunst im Kern eigentlich handelt. Da er grundsätzlich in allen Medien zu Hause ist – Video, Soundinstallation, Performatives, aber eben auch das Objekthafte in Malerei und Plastik –, steht uns in diesem Sinne nicht einmal ein gattungsspezifischer Orientierungspunkt als Hilfe zur Verfügung, um sich seiner Arbeit sytematisch zu nähern.

 

Trotzdem: Anders als es bei vielen jungen Künstlern der Fall ist, ist die vorgegebene Orientierungslosigkeit im Falle Steinhof weder das eigentliche Thema noch ein selbstgerechtes Sinnbild des postmodernen Wirkens. Wer nämlich etwas länger bei seinen Arbeiten verweilt, der wird früher oder später einen roten Faden entdecken: Ein tief verwurzelter Ortsbezug zieht sich im Sinne eines immer wiederkehrenden Ursprungmotivs durch sein noch junges Werk.

 

Als beispielsweise am Ende des letzten Jahres das Münsteraner Clemenshospital die Bildhauereiklasse von Ayşe Erkmen, in der Steinhof studierte, einlud, individuelle Arbeiten für eine Ausstellung im Krankenhaus anzufertigen, ersann er eine für solch einen jungen Künstler außergewöhnlich lückenlose Mischung aus Performance und skulpturaler Idee: Fünf farbige Gymnastikbälle warf er als Botschafter für Vitalität, Blance und Kraft auf den Klinik-Teich und ließ sie in Eigenregie zu einer kinetischen Plastik verschmelzend ihre Runden drehen.

 

 

 

Am Ende des Ganzen überführte der Künstler die Gegenstände aus diesem Kontext wieder zurück in ihre zweckmäßige Bestimmung als orthopädisches Gerät. Eine engere Bindung zwischen Werk und rezipierender Umgebung ist nur schwer erdenklich.

 

Mit der Variabilität, die in dieser Arbeit liegt und mit der Steinhof die örtliche Aufgabe an ein künstlerisches Projekt in freier Komposition zwischen den Gattungen zu einem geschlossenen Kreis brachte, machte er seiner Münsteraner Professorin Erkmen, die ihrerseits für ihre mediale Vielseitigkeit bekannt ist, alle Ehre. Nicht zuletzt aber machte er dadurch auch den Kunstverein in Bremerhaven auf sich aufmerksam, der ihm nun seine erste institutionelle Einzelausstellung ermöglicht. Unter dem Titel In a Hurry wird Steinhof für anderthalb Monate die Räume der Kunsthalle bespielen.  Hier trifft sein programmatischer Ortsbezug auf einen nüchternen und inhaltlich vermeintlich neutralen Kunstraum. Wie er auf eine solche Leere reagiert und was dies wiederum im Rückschluss vielleicht über das Wesen unserer artifiziellen Kunstkammern auszusagen vermag, darauf dürfen wir gespannt sein.

 

Erschienen in KUNST:ART